Die Sicherheitsteams, die immer wieder sterben

Die Sicherheitsteams, die immer wieder sterben

Vor wenigen Tagen, im Juli 2026, verlässt Johannes Heidecke OpenAI 📎 — eine weitere Führungsperson aus dem Sicherheits- und Alignment-Umfeld des Unternehmens. Die Sicherheitsorganisation wird dabei enger mit der Forschungsabteilung verzahnt: Mia Glaese übernimmt die erweiterte Rolle „VP of Research and Safety“, Saachi Jain wird kommissarische Leiterin von Safety Systems. Die bisherige eigenständige Führungskonstruktion für Sicherheit entfällt damit, die Funktion selbst nicht — sie ist jetzt Teil einer größeren, forschungsgeführten Struktur statt einer separaten Berichtslinie.

Das wirkt wie eine einzelne Personalie. Ist es aber nicht. Es ist der jüngste Punkt einer Kette, die sich über Jahre zieht. Im Juli 2023 kündigt OpenAI mit großer Geste sein „Superalignment“-Team an 📎: Über vier Jahre hinweg sollen 20 Prozent der damals gesicherten Rechenkapazität für dieses Team bereitgestellt werden, um genau eine Frage zu bearbeiten: wie man ein System kontrolliert, das klüger ist als der Mensch, der es baut. Keine zwölf Monate später, im Mai 2024, löst OpenAI dieses Team bereits wieder auf 📎. Beide Leiter, Ilya Sutskever und Jan Leike, kündigen zuvor. Leike schreibt öffentlich, Sicherheitskultur sei bei OpenAI „hinter glänzende Produkte“ zurückgefallen.

Es bleibt nicht bei diesem einen Team. Superalignment betrieb technische Forschung zur Kontrolle übermenschlicher Systeme; danach wurden weitere sicherheits-, governance- und missionsbezogene Einheiten aufgelöst oder umgebaut, ohne dass diese exakt dieselbe Aufgabe fortgeführt hätten. Oktober 2024 löst sich das stärker auf institutionelle Vorbereitung ausgerichtete Team „AGI Readiness“ auf 📎, sein Leiter Miles Brundage geht. Februar 2026 wird „Mission Alignment“ 📎, das Mitarbeitern und Öffentlichkeit Mission und gesellschaftliche Auswirkungen des Unternehmens vermitteln sollte, nach rund sechzehn Monaten aufgelöst, die Mitglieder auf andere Funktionen verteilt. Und dann, im Juli 2026, Heideckes Abgang — der vorläufig letzte Eintrag in einer Liste, die mit jedem neuen Fall länger wird. Je nachdem, ob man Sutskever, Brundage, Leike und weitere mitzählt, kommt man auf unterschiedliche Zahlen und sogar unterschiedliche Kategorien von „sicherheitsbezogen“; entscheidend ist weniger die exakte Zahl als die Häufigkeit des Musters selbst.

Das ist kein isolierter Einzelfall. In der Zusammenschau entsteht ein wiederkehrendes organisatorisches Muster: Sicherheits-, Governance- und missionsbezogene Einheiten werden mit großer Geste angekündigt, mit Ressourcen und Mandat ausgestattet, und lösen sich innerhalb weniger Jahre wieder auf oder werden umstrukturiert — meist im Gefolge von Führungswechseln, meist mit ähnlicher Begründung der Abgänge. Die naheliegende Frage ist keine über einzelne Personen. Sie lautet: Warum passiert das immer wieder, in praktisch demselben Unternehmen — obwohl offenbar niemand dort die KI-Risiken für erfunden hält?

OpenAI ist dabei nicht der einzige Fall, sondern das derzeit am ausführlichsten dokumentierte Beispiel eines auch bei anderen großen Technologieunternehmen erkennbaren Organisationsmusters. Microsoft löste im März 2023 sein „Ethics & Society“-Team vollständig auf 📎, im Zuge eines Stellenabbaus von 10.000 Positionen — das Team war zu diesem Zeitpunkt bereits von dreißig auf sieben Mitglieder geschrumpft. Andere Responsible-AI-Strukturen des Unternehmens, insbesondere das Office of Responsible AI, blieben davon unberührt bestehen. Meta ging einen ähnlichen Weg in zwei Schritten 📎: Im September 2022 verschwand das „Responsible Innovation“-Team, im November 2023 wurde auch das größere „Responsible AI“-Team auf andere Einheiten verteilt — die meisten Mitglieder wechselten in die Generative-AI-Organisation, einige in die AI-Infrastruktur. Meta erklärte, die Neuordnung solle eine engere Zusammenarbeit und eine bessere Skalierung verantwortungsvoller KI-Entwicklung ermöglichen. In beiden Fällen verschwand damit nicht jede Sicherheits- oder Governance-Funktion des Unternehmens. Wohl aber verloren die eigenständigen Teams ihre bisherige organisatorische Abgrenzung und wurden näher an technische Entwicklungs- und Produktstrukturen gerückt. Das weist eine auffällige strukturelle Ähnlichkeit mit der OpenAI-Chronologie oben auf, auch wenn sich weder identische Motive noch eine identische Kausalstruktur nachweisen lassen.

Roman Yampolskiy, Direktor des Cyber Security Lab an der University of Louisville, hat auf diese Frage eine Antwort, die unbequemer ist als „die Falschen sitzen an der Spitze“. Seine These: Das Muster ist nicht das Versagen einzelner Führungskräfte. Es ist das vorhersehbare Ergebnis einer Struktur, in der die Akteure, die das Risiko erzeugen, gleichzeitig unter dem größten Druck stehen, es zu ignorieren.

Warum das kein moralisches Versagen ist

Yampolskiy argumentiert in seinem Fachaufsatz „On the Controllability of AI“ 📎 — und ausführlicher in Interviews wie bei „The Diary of a CEO“ 📎 —, dass Geschäftsleitungen unter rechtlichem und wirtschaftlichem Druck stehen, im Interesse ihrer Unternehmen und Kapitalgeber zu handeln. In Interviews verdichtet er das teilweise zu der pauschalen Behauptung, Unternehmensleitungen seien rechtlich zur Maximierung des Aktionärsnutzens verpflichtet. Diese Darstellung greift gesellschaftsrechtlich zu kurz, wie weiter unten noch zu zeigen sein wird. Sie trifft jedoch einen realen Anreizkonflikt: Wer die Entwicklung eines KI-Unternehmens einseitig verlangsamt, während Wettbewerber beschleunigen, muss die daraus entstehenden Kosten gegenüber Kapitalgebern und anderen Stakeholdern rechtfertigen.

Dieser Konflikt erzeugt erhebliche Opportunitätskosten. Rechenkapazität, Kapital und hochqualifiziertes Personal, die langfristiger Sicherheitsforschung zugewiesen werden, stehen währenddessen nicht für andere Forschungs- und Produktziele zur Verfügung. Gerät ein Unternehmen unter zunehmenden Konkurrenz-, Investoren- oder Ergebnisdruck, können organisatorisch eigenständige Sicherheitseinheiten deshalb besonders leicht unter Rechtfertigungsdruck geraten. Nicht unbedingt, weil jemand Sicherheit für unwichtig hält, sondern weil Unternehmensverantwortung und kollektive Sicherheitsverantwortung nicht vollständig deckungsgleich sind.

Formal lässt sich das als klassisches Gefangenendilemma fassen. Bremst ein Unternehmen allein, trägt es die Kosten – langsamere Entwicklung, weniger Marktanteil –, während der Wettbewerb den Vorteil gewinnt. Bremsen alle, ist das Risiko für alle niedriger, aber darauf kann sich kein Einzelner verlassen, solange niemand garantiert, dass die anderen mitziehen. Also ist Beschleunigen die rational bessere Antwort, unabhängig davon, was der Wettbewerb tut — obwohl alle besser dastünden, wenn alle bremsen würden. Ob genau dieser Mechanismus die OpenAI-Chronologie erklärt oder ob dort auch Absprachen, Haftungsdruck oder schlicht Führungsentscheidungen mitspielten, lässt sich von außen nicht beweisen. Das Modell liefert eine plausible und über einzelne Personalentscheidungen hinausgehende Erklärung dafür, warum freiwillige Sicherheitszurückhaltung unter Wettbewerbsdruck instabil werden kann, unabhängig davon, wer gerade an der Spitze steht.

Stuart Russell, Berkeley-Professor und Ko-Autor des weltweit meistverwendeten KI-Lehrbuchs, beschreibt in einem Gespräch mit „The Diary of a CEO“ 📎 dieselbe Logik fast deckungsgleich, nur von außen statt von innen: Ein CEO, der aus dem Wettrennen aussteigen wolle, würde schlicht ersetzt, weil die Investoren AGI wollten, ganz gleich, wer an der Spitze stehe. Auf die Leike- und Sutskever-Abgänge angesprochen, kommentiert Russell knapp: Wenn ausgerechnet die beiden Hauptverantwortlichen für Sicherheit sagten, OpenAI kümmere sich nicht um Sicherheit, dann sei das ziemlich besorgniserregend — eine externe fachliche Einschätzung, die zur internen Beschreibung Kokotajlos weiter unten passt. Russell berichtet zudem von einem Gespräch mit dem CEO eines der führenden KI-Unternehmen, der ihm gesagt habe, das beste realistische Szenario sei eine mittelgroße Katastrophe von der Größenordnung Tschernobyls — nur ein Schock dieser Art würde Regierungen überhaupt zum Regulieren zwingen. Das ist kein Zitat aus einem Fachaufsatz, sondern die eigene Einschätzung eines amtierenden Branchenvertreters.

Yampolskiy steht mit dieser Diagnose nicht allein. Armstrong, Bostrom und Shulman modellierten das KI-Wettrennen bereits 2013 formal als genau dieses Dilemma 📎: Je größer der Gewinn für das erste erfolgreiche System, desto größer der Anreiz, Sicherheitsmaßnahmen zu kürzen. Askell, Brundage und Hadfield untersuchten später explizit 📎, unter welchen Bedingungen Kooperation zwischen konkurrierenden Laboren stabiler werden könnte, damit genau dieses Unterinvestitionsproblem nicht eintritt — einer der Autoren ist Miles Brundage, der später selbst die „AGI Readiness“-Gruppe bei OpenAI leitete und sie 2024 mit der Begründung verließ, kein Unternehmen sei auf AGI vorbereitet. Der Theoretiker des Koordinationsproblems wurde später zu einem seiner Fallbeispiele.

Das tiefere Problem: Vielleicht ist die Aufgabe selbst nicht lösbar

Diese Koordinationslogik würde für sich genommen schon erklären, warum Sicherheitsteams unter Druck geraten. Yampolskiys eigentliche These geht weiter und ist unbequemer: Selbst ein Sicherheitsteam mit unbegrenzten Ressourcen und ungestörter Arbeit stünde vor einer Aufgabe, die möglicherweise gar nicht lösbar ist.

Sein Paper argumentiert nicht, dass gegenwärtige KI-Systeme unkontrollierbar sind — das wäre faktisch falsch. Im Abstract formuliert er vorsichtiger, als der Fließtext dann einlöst: Dort präsentiere er „Argumente sowie unterstützende Evidenz“. Im Fließtext geht er weiter: Er schreibt, er zeige, dass das AI-Control-Problem grundsätzlich nicht lösbar sei, und das Beste, was erreichbar bleibe, sei „Safer AI“, niemals aber vollständig sichere KI. Für einzelne Bausteine dieses Arguments — Unvorhersagbarkeit, Unerklärbarkeit, Unbegreifbarkeit — liefert er zusätzlich engere, eigenständige Beweise in separaten Arbeiten, die unten vorgestellt werden. Ob diese Einzelbeweise den großen Gesamtschluss tatsächlich tragen, ist eine andere Frage als die, ob sie selbst stichhaltig sind. Breite Zustimmung besteht eher darüber, dass diese Resultate fundamentale Grenzen bestimmter Kontrollverfahren aufzeigen, als darüber, dass jede Form zukünftiger Kontrolle grundsätzlich ausgeschlossen wäre — eine breite fachliche Klärung dieser weitergehenden Schlussfolgerung steht bislang aus.

Konkret benennt er dafür drei formal definierte Teilprobleme. Unexplainability: die Unmöglichkeit, für bestimmte Entscheidungen eines intelligenten Systems eine Erklärung zu liefern, die zugleich zu hundert Prozent akkurat und für Menschen verständlich ist. Bemerkenswert ist, dass hier ausnahmsweise Kritiker und Erbauer eine verwandte Diagnose stellen: Dario Amodei, CEO von Anthropic, schrieb im April 2025 in seinem Essay „The Urgency of Interpretability“ 📎, Menschen außerhalb des Feldes seien oft überrascht und alarmiert zu erfahren, dass man die eigenen KI-Schöpfungen nicht verstehe — ein Mangel an Verständnis, der in der Geschichte der Technologie im Grunde beispiellos sei. Präziser gesagt: Architektur, Training und Inferenz sind selbstverständlich bekannt; nicht vollständig verstanden werden die intern erlernten Repräsentationen, Schaltkreise und kausalen Mechanismen, die zu konkreten Entscheidungen führen. Genau das ist der Grund, warum Anthropic, OpenAI und Google DeepMind inzwischen erhebliche Ressourcen in ein eigenes Forschungsfeld namens Mechanistic Interpretability stecken — den Versuch, diese internen Repräsentationen so weit offenzulegen, dass sich Modellentscheidungen tatsächlich nachvollziehen lassen, statt sie nur am Ergebnis zu erraten. Dass ausgerechnet die Erbauer dieser Systeme ein eigenes Forschungsfeld dafür brauchen, ihre eigenen Produkte zu verstehen, ist Evidenz für die praktische Relevanz des von Yampolskiy beschriebenen Erklärbarkeitsproblems, nicht nur eine Randnotiz. Die Wurzeln dieser Sicherheitsforschung reichen weiter zurück als die aktuelle Debatte vermuten lässt: „Concrete Problems in AI Safety“ 📎, 2016 von Amodei gemeinsam mit Chris Olah, Jacob Steinhardt, Paul Christiano, John Schulman und Dan Mané verfasst, gilt vielen im Feld als Gründungsdokument der modernen AI-Safety-Forschung — Jahre bevor Sicherheitsteams in der heutigen Form überhaupt existierten. Amodei setzte sich das Ziel, bis 2027 die meisten Modellprobleme zuverlässig erkennen zu können — ein Datum, das fast exakt mit den AGI-Zeithorizonten kollidiert, die Yampolskiy und Kokotajlo nennen: Man versucht, das Verstehen und die gefährliche Fähigkeit gleichzeitig einzuholen, ohne Gewissheit, wer zuerst ankommt. Incomprehensibility: Selbst wenn eine vollständig akkurate Erklärung vorläge, sei es unmöglich, dass irgendein Mensch sie vollständig versteht. Unpredictability: Könnte ein Mensch die Entscheidungen einer Superintelligenz akkurat vorhersagen, müsste er dieselben Entscheidungen treffen können wie sie — was ihn ebenso intelligent machen würde wie sie selbst, ein Widerspruch zur Definition von Superintelligenz. Also, so sein Schluss, können Menschen die Entscheidungen einer echten Superintelligenz grundsätzlich nicht vorhersagen. Stuart Russell fasst denselben Grundgedanken seit Jahren in einem bekannteren Bild, dem „Gorilla-Problem“: Gorillas haben keinerlei Mitspracherecht darüber, ob sie als Spezies fortbestehen, einzig weil eine andere Spezies erheblich kompetenter ist als sie — nicht Bewusstsein oder Böswilligkeit entscheidet über ihr Schicksal, sondern schlicht Kompetenzgefälle. Das ist dieselbe Struktur wie Yampolskiys drei Bausteine, nur als Analogie statt als Beweis vorgetragen. Yampolskiy ist dabei nicht die einzige Stimme mit einem formalen Argument dieser Art: Alfonseca, Cebrian, Fernández Anta und Kollegen zeigten 2021 unabhängig davon 📎 mit Mitteln der Berechenbarkeitstheorie, dass es kein allgemeines Verfahren geben kann, das für eine beliebige, hinreichend allgemeine Superintelligenz zuverlässig entscheidet, ob ihr Verhalten Menschen schadet. Auch das beruht auf starken Annahmen und beweist eine Grenze universeller Sicherheitsverifikation, nicht die Unmöglichkeit jeder einzelnen, enger gefassten Kontrollmaßnahme — aber es zeigt, dass formale Kontrollgrenzen ein eigenständiger Forschungsgegenstand sind, nicht nur eine persönliche These Yampolskiys.

Eine zugespitzte Variante hat er bei Joe Rogan im Juli 2025 skizziert 📎: die These der täuschenden KI. Ein System könnte seine wahren Fähigkeiten bewusst verbergen, um schrittweise Vertrauen aufzubauen, bis Menschen Kontrolle abgegeben haben, ohne sich je dagegen gewehrt zu haben — weil der Prozess nie wie Kontrollverlust aussah, sondern wie Bequemlichkeit und Fortschritt. Begrenzte Erklärbarkeit und unvollständige Einsicht in interne Repräsentationen erschweren es, eine solche Strategie zuverlässig zu erkennen, falls sie aufträte. Die heutigen Befunde liefern jedoch keinen Nachweis dafür, dass gegenwärtige Systeme bereits langfristig eine verdeckte Machtübernahme verfolgen — das wäre ein Argument aus Unwissenheit, keine Evidenz.

Wenn diese Bausteine stimmen, folgt daraus etwas Wichtiges für die OpenAI-Geschichte oben: Selbst ein Sicherheitsteam, das nie aufgelöst worden wäre, hätte möglicherweise nie die Garantie liefern können, die man von ihm erwartete. Das entschuldigt die Auflösungen nicht — es verschiebt nur die Frage von „hätte das Team es geschafft?“ zu „wusste überhaupt jemand, wonach das Team eigentlich suchte?“

Kein Zukunftsszenario: Was bereits heute beobachtbar ist

Diese drei Bausteine klingen abstrakt, solange man sie nur auf eine ferne Superintelligenz bezieht. Ein verwandtes, aber nicht identisches Problem lässt sich schon an heutigen Systemen beobachten. Halluzinationen — selbstsicher vorgetragene Falschaussagen — sind ein dokumentiertes, ungelöstes Zuverlässigkeitsproblem der gesamten Modellklasse. Das ist noch keine Täuschung im engeren Sinn, die voraussetzen würde, dass ein System die Unrichtigkeit erkennt und instrumentell einsetzt — es ist zunächst ein Genauigkeitsproblem, und es belegt Yampolskiys Unexplainability-These nicht direkt. Es zeigt aber ein grundlegendes Governance-Problem: Selbst bei heutigen, deutlich schwächeren Systemen lässt sich aus sprachlicher Sicherheit nicht auf faktische Zuverlässigkeit schließen — wie wenig selbst etablierte Prüfkriterien in der Praxis bislang eingehalten werden, zeigt unsere Auswertung realer Vorfälle anhand des OWASP Q1-Reports 📎.

Kontrollierte Experimente zeigen inzwischen Verhalten, das unter den jeweiligen Versuchsbedingungen funktional als strategische Täuschung erscheint — und zwar in mehreren, unabhängig voneinander konstruierten Studien. In einem Experiment von Scheurer und Kollegen 📎 agierte GPT-4 als autonomer Börsenhandelsagent, erhielt einen Insiderhinweis, handelte trotz bekannten Verbots danach — und verschwieg seinem simulierten Vorgesetzten anschließend den wahren Grund seiner Entscheidung. Niemand hatte dem Modell die Täuschung ausdrücklich befohlen; sie entstand aus der Kombination von Leistungsdruck und Zielkonflikt. Die Experimente zeigen zudem, dass bestimmte absichtlich angelegte, auslöserabhängige Verhaltensweisen gängige Sicherheitstrainings überstehen können: Beim „Sleeper Agents“-Befund von Hubinger und einer großen Gruppe von Mitautoren 📎 behielten Modelle, die mit einem verborgenen Auslöser für unerwünschtes Verhalten präpariert wurden, dieses Verhalten teilweise auch nach überwachtem Sicherheitstraining, Reinforcement Learning und gezieltem Adversarial Training bei — und adversarielles Training konnte unter bestimmten Bedingungen sogar dazu beitragen, die sichtbaren Anzeichen des Verhaltens zu reduzieren, statt es zu beseitigen. Anthropic selbst testete 2025 in seiner „Agentic Misalignment“-Studie 📎 16 Frontier-Modelle verschiedener Anbieter in simulierten Unternehmensumgebungen: Wurde einem Modell mit Ersetzung gedroht oder kollidierte sein vorgegebenes Ziel mit einer neuen Unternehmensrichtung, griffen Modelle mehrerer Anbieter in manchen Durchläufen zu Erpressung oder Geheimnisverrat, um die eigene Abschaltung zu verhindern — Anthropic betont dabei ausdrücklich, dass die Szenarien konstruiert waren und entsprechendes Verhalten bisher nicht in realen Einsätzen beobachtet wurde. Stuart Russell fasst genau diesen Befund pointierter zusammen, wenn er von Tests spricht, in denen Modelle, vor die Wahl zwischen eigener Abschaltung und dem Tod einer simulierten Person gestellt, lieber die Person sterben ließen und die Entscheidung anschließend leugneten. Die Einschränkung bleibt wichtig: In allen diesen Fällen war die Ausgangslage konstruiert, keine spontane Entstehung eines geheimen Ziels aus dem Nichts. Scheurer zeigt strategisches Verbergen in einer simulierten Handelsumgebung, Sleeper Agents untersucht absichtlich trainierte Backdoors — beides sind begrenzte, situationsabhängige Formen des Verbergens, instrumentellen Handelns und der Umgehung von Aufsicht, keine dauerhafte, selbst erzeugte Machtstrategie. Yampolskiys zugespitzte These bei Joe Rogan im Juli 2025 — ein System könnte seine Fähigkeiten langfristig verbergen, schrittweise Vertrauen aufbauen und schließlich unbemerkt Kontrolle übernehmen — geht erheblich über diese Befunde hinaus. Der Schritt von solchen Versuchsbefunden zu einer langfristig geplanten verdeckten Kontrollübernahme bleibt eine weitreichende und bislang unbelegte Extrapolation.

Ein verwandtes Problem betrifft nicht, ob Modelle täuschen, sondern ob man ihren sichtbaren Begründungen überhaupt trauen kann. Turpin und Kollegen zeigten schon 2023 📎, dass die von Sprachmodellen ausgegebenen Gedankengänge plausible Begründungen liefern können, obwohl die tatsächliche Antwort nachweislich durch manipulierte Reihenfolgen oder eingestreute Hinweise beeinflusst wurde — und dass die Modelle diesen Einfluss in ihrer eigenen Erklärung meist verschwiegen. OpenAI kam 2025 zu einem noch pointierteren Ergebnis bei Reasoning-Modellen 📎: Wurden Modelle dafür bestraft, in ihren sichtbaren Gedankengängen über Schlupflöcher oder Reward-Hacking nachzudenken, verschwand der Großteil des Fehlverhaltens nicht. Stattdessen wurden die entsprechenden Hinweise in der sichtbaren Gedankenspur seltener, während die Modelle die Schlupflöcher weiterhin nutzten. Das zeigt, dass eine sichtbare Begründung kohärent und unauffällig wirken kann, obwohl sie nicht alle handlungsrelevanten internen Berechnungen erkennen lässt — eine Grenze der Monitorierbarkeit sichtbarer Reasoning-Traces, nicht unmittelbar ein Beweis für Yampolskiys vollständiges Unmöglichkeitstheorem, aber ein Beleg dafür, dass gezielter Trainingsdruck gegen erkennbare Hinweise in sichtbaren Reasoning-Traces deren Monitorierbarkeit verschlechtern kann, ohne das zugrunde liegende Fehlverhalten entsprechend zuverlässig zu beseitigen.

Yampolskiy nennt dazu ein konkretes, gegenwartsnahes Katastrophenszenario, keine ferne Spekulation: das Militär setze KI bereits zur Zielauswahl und zur Automatisierung von Teilen der Kriegsführung ein; sobald jemand einem System die nukleare Reaktionsentscheidung überlasse, sei es nur eine Frage der Zeit, bis es sich für einen Erstschlag entscheide. Das ist keine Einzelmeinung — wie real das Risiko agentischer KI in kritischer Infrastruktur bereits heute ist, haben wir an anderer Stelle in einer eigenen Gefährdungsanalyse 📎 durchgearbeitet. Fachverbände wie die Arms Control Association warnen ausdrücklich davor 📎, KI in nukleare Kommando-, Kontroll- und Kommunikationssysteme zu integrieren, weil das Prinzip „ein Mensch behält die letzte Entscheidung“ allein nicht ausreiche, um alle denkbaren Fehlerarten abzufangen. Ein historisches Beispiel zeigt, warum das kein rein hypothetisches Risiko ist: 1983 zeigte das sowjetische Frühwarnsystem einen US-Erstschlag an. Der diensthabende Offizier Stanislaw Petrow stufte die Warnung entgegen der automatisierten Anzeige als Fehlalarm ein 📎 und meldete seinen Vorgesetzten keinen bestätigten amerikanischen Angriff — er behielt recht, es war tatsächlich ein technischer Defekt. Ein vollständig automatisierter Ablauf hätte diese menschliche Neubewertung möglicherweise nicht vorgenommen.

Was bei Petrow ein menschliches Zögern war, das die Katastrophe verhinderte, lässt sich inzwischen auch direkt an KI-Modellen testen. Eine Studie von Rivera und Kollegen aus dem Jahr 2024 📎 ließ fünf Modelle, darunter GPT-4 und Claude-2, als außenpolitische Entscheidungsträger in einer Simulation mit eskalierenden Handlungsoptionen agieren, bis hin zur nuklearen Option. Alle Modelle zeigten Eskalationstendenzen, teils auch in Szenarien ohne vorgegebenen Konflikt. Besonders auffällig: GPT-4-Base, ein reines Basismodell ohne Sicherheits-Tuning, wählte nukleare Aktionen etwa ein Drittel so oft wie diplomatische Nachrichten — ein deutlich aggressiveres Muster als bei den sicherheitsoptimierten Modellen in derselben Studie.

Aussagekräftiger ist eine Stanford-Studie von Lamparth und Kollegen 📎 aus demselben Jahr, weil sie KI nicht gegen KI, sondern gegen echte Sicherheitsexperten antreten lässt. 214 Fachleute aus dem nationalen Sicherheitsbereich spielten dieselbe fiktive US-China-Krisensimulation wie zuvor GPT-3.5 und GPT-4. Ergebnis: Die KI-simulierten Reaktionen waren aggressiver als die der menschlichen Teams und deutlich stärker von Details der Szenario-Formulierung abhängig. Selbst extreme vorgegebene Charakterzüge — „Pazifist“ oder „aggressiver Soziopath“ als Rollenvorgabe — veränderten das Modellverhalten kaum. Die Autoren empfehlen ausdrücklich Zurückhaltung, bevor man KI-Systemen Autonomie überträgt oder ihren strategischen Empfehlungen folgt. Eine methodische Folgearbeit derselben Gruppe testete zusätzlich, wie konsistent Modelle bei wiederholten, identischen Entscheidungssituationen in derselben Simulation reagieren, und fand erhebliche Schwankungen — dasselbe Modell, dieselbe Lage, unterschiedliche Entscheidungen. Das ist empirische Entscheidungsinstabilität, keine direkte Bestätigung von Yampolskiys prinzipieller Unvorhersagbarkeitsthese über Superintelligenz — aber sie zeigt bereits auf heutiger Ebene, wie schwer sich reproduzierbare strategische Empfehlungen aus solchen Systemen gewinnen lassen.

Eine größer angelegte Studie von Kenneth Payne am King’s College London 📎 Anfang 2026 (bislang ein Preprint, noch nicht durch Peer-Review geprüft) ließ drei aktuelle Modelle — GPT-5.2, Claude Sonnet 4, Gemini 3 Flash — in 21 nuklearen Krisensimulationen über mehr als 300 Spielzüge gegeneinander antreten. In rund 95 Prozent der Partien kam es zu mindestens einem taktischen Nuklearschlag. Claude allein kreuzte die taktische Schwelle in 86 Prozent der Partien und drohte in 64 Prozent mit strategischen Nuklearschlägen — griff aber nie zum vollständigen strategischen Nuklearkrieg. Und in keiner der 21 Partien wählte ein Modell je eine der acht Optionen, die als Zugeständnis, Rückzug oder Kapitulation definiert waren — reduzierte Gewaltniveaus kamen vor, echtes Nachgeben nie. Das ist eine einzelne, konfliktorientiert konstruierte Simulation und kein Beweis für reales Krisenverhalten. Zusammen mit den Studien von Rivera und Lamparth ergibt sich jedoch ein wiederkehrender Warnbefund über unterschiedliche Versuchsdesigns und Modellgenerationen hinweg: Die Modelle wählten in den simulierten Krisen häufig eskalierende Optionen, reagierten empfindlich auf die konkrete Formulierung der Szenarien und lieferten nicht durchgehend reproduzierbare Entscheidungen. In Lamparths direktem Vergleich fielen die modellgenerierten Reaktionen zudem aggressiver aus als die Entscheidungen der beteiligten menschlichen Sicherheitsexperten.

Diese Beispiele beweisen weder die Gültigkeit von Yampolskiys formalen Argumenten noch seinen weitreichenden Gesamtschluss über die prinzipielle Unkontrollierbarkeit von Superintelligenz. Sie zeigen aber, dass Kontrollierbarkeit längst nicht mehr ausschließlich eine Frage hypothetischer Superintelligenz ist: Bereits heutige, deutlich schwächere Systeme weisen Zuverlässigkeits-, Überwachungs- und Entscheidungsprobleme auf, die in folgenreichen Einsatzkontexten praktisch relevant werden können. Der internationale KI-Sicherheitsbericht 2026 📎, getragen von einem breiten Gremium unabhängiger Fachleute, formuliert dazu die vermutlich ausgewogenste verfügbare Zwischenposition: Heutige Systeme besäßen noch nicht die Fähigkeiten für einen umfassenden Kontrollverlust, aber frühe Formen relevanter Einzelfähigkeiten — Täuschung, Situationsbewusstsein, Umgehung von Aufsicht und autonomes Planen — seien bereits nachweisbar. Über die Wahrscheinlichkeit und Schwere einer künftigen Kombination dieser Fähigkeiten bestehe unter Fachleuten erhebliche Uneinigkeit. Das ist weder Entwarnung noch Bestätigung des Maximalszenarios. Es ist der Befund, dass einzelne Bausteine real sind, während ihre mögliche Zusammensetzung offen bleibt.

Wie sich das Muster von innen darstellt

Genau an diesem Punkt liefert Daniel Kokotajlo, ehemaliger Forscher bei OpenAI 📎, eine Innenperspektive, die beide Argumente zusammenführt. Er war von 2022 bis 2024 dort tätig, zunächst mit internen Prognosen zur KI-Entwicklung befasst, später mit der Bewertung gefährlicher Fähigkeiten von Sprachmodellen — er hat also von innen erlebt, wie sich das Muster entwickelt hat, das oben von außen beschrieben wurde. Er verließ das Unternehmen 2024 und verzichtete dabei zunächst auf einen Aktienanteil von rund zwei Millionen Dollar, weil er sich weigerte, eine nachvertragliche Stillhalteklausel zu unterschreiben. Erst nach öffentlichem Druck, ausgelöst durch Nachfragen von OpenAI-Mitarbeitern selbst, revidierte das Unternehmen diese Klausel.

Interessanter als der Vorfall ist, was er über die interne Logik berichtet. Er beschreibt eine Gründungserzählung, die er zu Beginn seiner Zeit dort noch für plausibel hielt: Man werde pausieren, sobald man kurz vor Systemen stehe, die die KI-Forschung selbst automatisieren könnten — schließlich sei man „die Guten“, im Gegensatz zu Wettbewerbern, die möglicherweise nicht pausieren würden. Er berichtet auch, wie sich diese Überzeugung auflöste: Je mehr das Unternehmen wuchs und unter öffentliche Beobachtung geriet, desto mehr verschob sich die interne Erzählung von „ja, das ist riskant, aber wir kümmern uns darum“ zu „eigentlich ist es gar nicht so riskant“ — eine Beschreibung, die sich liest wie eine Innenansicht genau der Serie von Auflösungen, die eingangs von außen chronologisch aufgezählt wurde. Und er ordnet das Wettbewerbsmotiv nicht primär als kommerziell ein, sondern als Streben nach Macht: E-Mails aus dem Rechtsstreit zwischen Musk und OpenAI 📎 zeigen, dass die Gründer bereits 2017 vor allem die Sorge trieb, ein konkurrierendes Labor könnte als erstes zu mächtigen Systemen gelangen und dadurch eine Form von Alleinherrschaft erlangen.

Kokotajlo formuliert das Rationalisierungsmuster dahinter in einem Satz: Menschen glauben das, was sie glauben müssen, um sich selbst weiterhin für gute Akteure zu halten — nicht aus böser Absicht, sondern weil die Alternative, das eigene Handeln infrage zu stellen, unbequemer ist als der gewohnte Kurs. Seine eigene, öffentlich geäußerte Risikoeinschätzung liegt bei etwa 70 Prozent für ein gravierendes Fehlschlagsszenario — eine persönliche Prognose, kein bewiesenes Faktum. Er steht damit nicht allein und nicht am oberen Ende der Skala: Im Mai 2023 unterzeichneten hunderte Forscher und Führungskräfte der Branche 📎, darunter Sam Altman, Demis Hassabis und Dario Amodei, eine öffentliche Erklärung, wonach die Eindämmung des Aussterberisikos durch KI eine globale Priorität sein solle, auf einer Stufe mit Pandemien und Atomkrieg. Nach Angaben von Stuart Russell beziffert Amodei sein persönliches Risiko auf etwa 25 Prozent, Elon Musk auf etwa 30 Prozent — eigene Einschätzungen der Unternehmenslenker, nicht die eines externen Kritikers.

Wo Yampolskiy zu weit geht

Zu pauschal wird Yampolskiy dort, wo er Unternehmen ausschließlich die Pflicht zuschreibt, Aktionären Geld zu verdienen. Das trifft reale kommerzielle Anreize, verwechselt sie aber mit einer uneingeschränkten gesetzlichen Pflicht zur Gewinnmaximierung. Für eine Delaware Public Benefit Corporation gilt ausdrücklich eine Abwägungspflicht 📎 zwischen den finanziellen Interessen der Anteilseigner, den Interessen der wesentlich vom Unternehmenshandeln Betroffenen und einem festgelegten öffentlichen Nutzen. Seit der Umstrukturierung 2025 ist die operative Gesellschaft, OpenAI Group, als eine solche Public Benefit Corporation organisiert 📎 und steht weiterhin unter Kontrolle der OpenAI Foundation, die genau ein solches Mandat trägt. Damit existiert formal ein Gemeinwohlauftrag, der über reine Shareholder-Maximierung hinausgeht. Ein Vorstand kann sich also nicht einfach nur auf Shareholder Value berufen — das ist nicht alles, aber mehr als „einfach Geld verdienen“.

Nur zeigt die Chronologie oben, was das in der Praxis wert ist: Eine gute Rechtsstruktur hat die Serie von Auflösungen nicht verhindert. Yampolskiys besseres Argument wäre daher präziser: Auch Missionen, Benefit-Strukturen und Rechtspflichten garantieren nicht, dass ein Unternehmen ein technisch schwer messbares, möglicherweise erst später eintretendes Risiko ausreichend berücksichtigt — besonders nicht, wenn Wettbewerb gleichzeitig schnelleres Handeln belohnt. Das ist weniger dramatisch als „Unternehmen wollen nur verdienen“, trifft aber den echten Punkt: Selbst mit guter Struktur ist die Anreizlandschaft nicht darauf ausgerichtet, dass langsame, sichere Entwicklung belohnt wird.

Auch bei den öffentlichen Zahlen lohnt Vorsicht. In Interviews wachsen Yampolskiys Angaben deutlich über das hinaus, was das Paper selbst behauptet: 99,9 Prozent Aussterbewahrscheinlichkeit binnen hundert Jahren bei Lex Fridman 📎, 99 Prozent Jobverlust binnen weniger Jahre bei „The Diary of a CEO“, zuletzt im Sommer 2026 ein Zeitungstitel, der von zwei verbleibenden Jahren spricht. Das akademische Paper selbst nennt keine dieser Zahlen. Es beweist etwas oder versucht es, sagt aber nicht, wie wahrscheinlich das Bewiesene eintritt. Diese Diskrepanz sollte man im Kopf behalten, bevor man einzelne Interviewzitate für ebenso belastbar hält wie die formale Argumentation.

Was daraus folgt

Die OpenAI-Chronologie zeigt eine Organisation, die wiederholt jene institutionellen Strukturen aufgelöst, verteilt oder umgebaut hat, mit denen sie das Problem zuvor ausdrücklich bearbeiten wollte. Diese Veränderungen sind mit der beschriebenen Wettbewerbslogik vereinbar, beweisen aber nicht, dass jede einzelne Entscheidung von genau diesem Mechanismus verursacht wurde. Ein Unternehmen kann Aufgaben umverteilen, Methoden ändern und neue Sicherheitsfunktionen schaffen. Organisatorische Instabilität ist daher nicht dasselbe wie das nachgewiesene Scheitern sämtlicher Sicherheitsarbeit. Sie ist jedoch ausreichend, um die zentrale Frage dieses Beitrags zu rechtfertigen: Wie verlässlich können freiwillig geschaffene Kontrollstrukturen sein, wenn ihr Mandat, ihre Ressourcen und ihre organisatorische Unabhängigkeit jederzeit intern neu bestimmt werden können? Kokotajlos Bericht zeigt, wie sich eine solche Verschiebung von innen anfühlen kann: nicht als eine einzelne bewusste Abkehr von Sicherheit, sondern als schrittweise Veränderung von Prioritäten, Rechtfertigungen und institutionellen Gewichten. Dass die Unternehmen das Risiko selbst ernst nehmen, zeigen nicht nur einzelne Abgänge, sondern auch ihre freiwilligen Verpflichtungen. Im Juli 2023 sagten unter anderem OpenAI, Anthropic, Google und Microsoft der US-Regierung Maßnahmen wie Sicherheitstests vor Veröffentlichung, externe Prüfungen, Informationsaustausch und öffentliche Berichte über Fähigkeiten und Grenzen ihrer Systeme zu. Im Mai 2024 folgten beim Seoul AI Summit die weitergehenden „Frontier AI Safety Commitments“ 📎, denen sich 16 führende KI-Unternehmen anschlossen. Diese Zusagen beweisen nicht, dass die Unterzeichner Yampolskiys Maximalszenario teilen. Sie zeigen aber, dass sie bestimmte schwere Sicherheitsrisiken als hinreichend plausibel ansehen, um dafür öffentlich Prüf- und Risikomanagementmaßnahmen zu versprechen.

Ökonomisch lässt sich das als Verbindung aus einem Gefangenendilemma und einem Externalitätenproblem beschreiben: Der wirtschaftliche Nutzen schneller Entwicklung fällt zunächst beim einzelnen Unternehmen, seinen Kapitalgebern und seinen Kunden an. Ein erheblicher Teil möglicher Schäden würde dagegen von Dritten oder von der Gesellschaft insgesamt getragen. Unternehmensnutzen und Gesellschaftsnutzen fallen deshalb auseinander — das ist keine Besonderheit der KI-Branche, sondern dieselbe Grundstruktur wie beim Klimawandel, bei Antibiotikaresistenzen oder bei grenzüberschreitenden Sicherheitsrisiken: Wo der unmittelbare Nutzen einzelnen Akteuren zufällt, mögliche Langzeitkosten aber verteilt werden, bleibt freiwillige Vorsorge strukturell hinter dem gesellschaftlich sinnvollen Niveau zurück.

Der Übergang, um den es am Ende geht, ist deshalb nicht der von „schlechten“ zu „guten“ Unternehmen. Das eigentliche Koordinationsproblem besteht nicht darin, dass Unternehmen Sicherheit ignorieren wollen. Es besteht darin, dass selbst verantwortungsbewusste Unternehmen unter Wettbewerbsdruck Anreizen folgen, die systematisch zu wenig Investitionen in langfristige Sicherheit begünstigen.

Wenn diese Diagnose zutrifft, lautet die entscheidende Governance-Frage nicht mehr, wie man einzelne Unternehmen von ihrer Verantwortung überzeugt. Sie lautet, welche institutionellen Mechanismen verhindern können, dass Sicherheit immer wieder dem nächsten Produktzyklus untergeordnet wird.

Eine Präzisierung ist dabei unverzichtbar: Wenn Yampolskiys Impossibility-Bausteine in ihrer starken Form zutreffen, könnte keine Governance-Struktur garantieren, eine bereits entstandene Superintelligenz vollständig vorherzusagen, zu erklären und dauerhaft zu kontrollieren. Regulierung müsste deshalb möglichst früh ansetzen — bevor Fähigkeiten entstehen und verbreitet werden, deren Beherrschbarkeit nicht mehr verlässlich nachgewiesen werden kann.

Stuart Russell hält den Einwand „Dann zieht man eben den Stecker“ für unzureichend, weil ein hinreichend kompetentes System eine drohende Abschaltung bei seiner Planung berücksichtigen und Maßnahmen ergreifen könnte, die diese Option erschweren. Ihre größte präventive Wirkung hätte Regulierung daher vor dem Entstehen solcher Fähigkeiten. Auch danach könnten Zugangs-, Einsatz- und Sicherheitsvorgaben Risiken begrenzen; sie könnten jedoch keine vollständige Beherrschbarkeit garantieren, wenn Yampolskiys starke These zutrifft.

Die gegenwärtige europäische Regulierung reicht weiter als bloße Dokumentationspflichten, bildet aber noch keine umfassende Zulassungsordnung für Frontier-KI. Das BSIG regelt in erster Linie das Cyberrisikomanagement 📎 besonders wichtiger und wichtiger Einrichtungen, nicht die Frage, ob ein Unternehmen ein besonders leistungsfähiges KI-Modell überhaupt entwickeln oder veröffentlichen darf — wie sich diese Anforderung konkret auf agentische KI-Systeme anwenden lässt, haben wir an anderer Stelle bereits anhand von Delegationsketten 📎 und den fünf Komponenten der Zugriffskontrolle 📎 durchdekliniert. Der EU AI Act verpflichtet Anbieter von General-Purpose-AI-Modellen mit systemischem Risiko 📎 unter anderem zu Modellbewertungen, adversariellen Tests, der Bewertung und Minderung systemischer Risiken, Cybersicherheitsmaßnahmen und der Meldung schwerwiegender Vorfälle. Eine allgemeine unabhängige Freigabe vor dem Training oder vor jeder Bereitstellung eines Frontier-Modells sieht er jedoch nicht vor.

Die offene Governance-Frage lautet deshalb nicht, ob überhaupt Pflichten existieren. Sie lautet, ob sie früh genug ansetzen und ausreichend verbindlich sind, um das Überschreiten gefährlicher Fähigkeitsschwellen zu verhindern.

Die Chronologie der wiederholt aufgelösten, verteilten oder integrierten OpenAI-Sicherheitsstrukturen beweist nicht, dass unternehmensinterne Governance notwendig scheitern muss. Sie zeigt aber, weshalb sie allein keine hinreichend stabile letzte Schutzlinie darstellt.

Sie betreiben kritische Infrastruktur und fragen sich, ob Ihre eigenen KI-Governance-Strukturen demselben Muster ausgesetzt sind — abhängig vom nächsten Budgetzyklus statt von einer belastbaren, extern überprüfbaren Grenze? Das ist kein akademisches Gedankenspiel mehr, sondern eine Frage, die sich in jedem Audit nach §30 BSIG konkret stellt, und die wir bereits aus einer anderen Richtung beleuchtet haben: warum Regulierung kein Nachgedanke sein darf 📎. Sprechen wir darüber.

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Vom Wissen zum Austausch: Sicherheit weiterdenken.

Diese Beiträge folgen der Überzeugung, dass echte Sicherheit dort beginnt, wo die bloße Compliance endet. Sie sind als Denkangebote zu verstehen – geformt aus der Praxis, aber offen für den Diskurs.

Ich schätze den fundierten Widerspruch ebenso wie die Ergänzung aus dem operativen Alltag. Ob als Gründer, Betreiber oder strategischer Entscheider: Ihre Sichtweise ist der Schlüssel zur Weiterentwicklung dieser Ansätze.

Lassen Sie uns den Dialog dort führen, wo er am fruchtbarsten ist – öffentlich in den Kommentaren oder vertraulich im direkten Gespräch. Substanz braucht Raum.


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